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Augentropfen in Freiarbeit

For your eyes only

Augentropfen für Dísi

„Augentropfen sind nun wirklich nicht schlimm,“ denkt man so als Mensch, dem klar ist, wozu man sie braucht und das der unangenehme Moment, in dem die kalten Tropfen den Augapfel treffen, schnell vorüber ist für einen guten Zweck.

Dieselbe Szene stellt sich aus Sicht eines Pferdes möglicherweise zunächst einmal ganz anders dar. Für ein Fluchttier ist die Sehkraft ein wichtiger Faktor in der Überlebensstrategie. Da scheint es ratsam, besonders gut auf die Erhaltung des Augenlichts zu achten. Je nach Vorerfahrungen fällt die Reaktion eines Pferdes, das unvorbereitet mit der Applikation von Augentropfen konfrontiert wird, mehr oder minder heftig aus. Das reicht vom Wegdrehen des Kopfes bis zum entschiedenen Rückzug aus der Situation.

Eine tierfreundliche Alternative zum Festbinden, zur Nasenbremse oder zum Sedieren (ja, all das gehört zum Augen-Alltag) ist es, dem Pferd über Medical Training zu erklären, bitte stillzuhalten, während es Augentopfen bekommt.

Bis Dísi das Träufeln mitgemachen konnte, haben wir eine Handvoll Meilensteine im Training erreicht.

  • Level 1: Wangentarget an der Hand
  • Level 2: Wangentarget an meiner Wange von hinten über meine Schulter
  • Level 3: Stehenbleiben, wenn ich gegen die Fahrtrichtung stehe (haben wir sonst im Alltag als Signal fürs Rückwärtsrichten)

Da die direkte Übertragung des Wangen-Wangentargets nicht möglich war, als Zwischenschritte:

  • Level 4a: neu eingeführtes Unterkiefertarget auf meinem Unterarm mit Futterpunkt in Zielposition
  • Level 4b: Unterkiefertarget auf meinem Oberarm mit Futterpunkt in Zielposition
  • Level 4c: Unterkiefertarget auf meiner Schulter mit Futterpunkt auf der Schulter
  • Level 5: Stillstehen und Kopf auf der Schulter lassen, wenn der Arm um den Kopf herum greift
  • Level 6: Stillstehen und Kopf auf der Schulter lassen, wenn die linke Hand ans Auge fasst
  • Level 7: Stillstehen und Kopf auf der Schulter lassen, wenn sich die rechte Hand mit den Augentropfen (AT) annähert
  • Level 8: Stillstehen und Kopf auf der Schulter lassen, wenn das Fläschchen mit den AT unmittelbar am Auge ist
  • Level 9: Stillstehen und Kopf auf der Schulter lassen, wenn 1 Tropfen Flüssigkeit ins Auge tropft
  • Level 10: Stillstehen und Kopf auf der Schulter lassen, wenn 2 oder mehr Tropfen Flüssigkeit ins Auge tropfen

Mehr zum Thema Medical Training für Pferde erfahrt ihr auch in Nina Steigerwalds kostenlosem Webinar der Steigerwald.T Academy:

Riverdance mit Pferd

Theoriealarm: Toolbox auf für den Riverdance

Erinnert ihr euch an den Riverdance mit Pony? Wir hatten uns seinerzeit aus den 500 tierfreundlichen Trainingswegen den Weg Nr. 473 ausgesucht.

Was, wenn ich nun nicht den Weg Nr. 473 gehen möchte, weil… wasauchimmer, z.B. mein Pferd keine Schulter hat fürs Körpertarget (vergl. Beiträge zum genetic horse tuning)?

Man könnte sich auch auf alternativen Wegen dem Ziel nähern. Was für wen wie sinnvoll ist, mag jeder nach individueller Ausgangslage und Gestaltungsmöglichkeit selbst entscheiden.

Ich könnte das Verhalten aufbauen über…

Targettraining

Ich benutze ein bereits vorhandenes Target für den Aufbau des Verhaltens. Zu dieser Gruppe gehört der Weg Nr. 473 mit seinem Schultertarget.

Dazu gehört ebenfalls der Weg Nr. 442, der ein Huf-Bodentarget einsetzt. Oder der Weg Nr. 443, der mit zwei Huf-Bodentargets arbeitet. Oder Weg Nr. 455, der das Verhalten über ein Karpaltarget aufbaut, gewürzt mit einer guten Prise Shaping. Oder, oder, oder.

Locken

Ich locke das Pony mit einem attraktiven Reiz (kann alles Mögliche sein, was das Pony toll findet und sich technisch ins Training einbauen lässt) in Richtung des gewünschten Verhaltens – je dichter dran, desto besser.

Wie sähe das praktisch aus? Konkret locken lässt sich nur der Kopf. Weitere Körperteile folgen mehr oder weniger notgedrungen hinterher. Ich bringe den Kopf also in eine Position, die aufgrund der physiologischen Möglichkeiten eines Pferdes dazu führt, dass das Pony mit gekreuztem Außenbein dasteht. Das müsste irgendwo links außen an einer Stelle sein, die nicht automatisch dazu führt, dass das Heck herumschwenkt. Hm. Machbar, aber nicht ganz einfach. Ich wäre neugierig auf ein Video, falls es jemand mal versucht.

Shapen (Formen, frei oder assistiert)

Ich warte wieder (s.o.), reglos, wohlgemerkt, um nicht versehentlich falsche Signale an das Pferd zu senden, aber diesmal nicht, bis ich das fertige Verhalten sehe, sondern mir reicht eine allererste, winzig kleine Bewegung in die richtige Richtung. C+B. Und dann die nächste, winzig kleine Bewegung in die richtige Richtung. C+B. Und die nächste. C+B. Und die nächste. Da capo al fine… Bis man irgendwann am Ziel ist.

Das ist durchaus sinnvoll, wann immer mir keine anderen, schnelleren Methoden mit weniger Nebenwirkungen* einfallen. Das ist ebenfalls sinnvoll fürs Finetuning von Verhalten. Aber möchte ich das arme Pony wirklich von Null bis zum Tanzen shapen, wenn es nicht nottut? Auf diesem langen Weg lauter halbgare Verhalten verstärken, die mir das Pony später immer mal wieder anbieten wird? Heiße Dates mit Richard Herrnstein (Matching Law*) haben so ihre Vor- und Nachteile. In diesem Falle überwiegen die Nachteile massiv.


* Für die Nebenwirkungen ist der Apothekerteil in mir zuständig, richtet sich zu voller Größe auf und rezitiert:

Löschungstrotz – ist der (emotional eher unschöne) Grund, warum es beim Formen überhaupt vorwärts geht
Matching Law – jeder einzelne Zwischenschritt wird mit einer Wahrscheinlichkeit wieder auftreten, die direkt proportional zur Menge des Verstärkers ist, die für den jeweiligen Schritt verabreicht wurde

Modeln

Dazu nehme ich das Bein des Pferdes und setze es an die gewünschte Stelle. C+B (Aküfi für Click und Belohnung).

Das wiederhole ich. Oft. Sehr oft. So oft, bis das Pony (hoffentlich) den mentalen Transfer schafft, aus einer passiven Bewegung eine aktive zu machen. So steht’s im Buch. Man sieht gleich, wo hier der Pfeffer am Hasen klebt.

Nichtsdestotrotz hat das Modeln in der Vergangenheit x-fach gut funktioniert je nach Zielverhalten – und auch nach Tierart. Für andere, kleinere Tierarten als ausgerechnet das Pferd bietet es sich viel eher an.

Mimikry (Copycat)

Aaah, auf dem Papier ist das ganz simpel. Ich mach’s dem Pony vor, und das Pony macht es nach. Oder ein anderes Pony, das den Trick schon kann, macht es vor. Tatsächlich funktioniert das Nachahmungslernen bei Herdentieren besser, als es auf den ersten Ton klingt.

Wie man sieht, lohnt es sich, über verschiedene Trainingswege nachzudenken und sich den schlanksten herauszusuchen, nicht nur dem Pony zuliebe.

Einfangen

Sehr elegant. Ich beobachte das Pony, warte, bis es durch Zufall die Vorderbeine kreuzt, und CLICKE!

Aber.

Das kann laaaaaaange dauern. Man braucht halt Geduld, und ganz viel Zeit in physischer und mentaler Trainingsbereitschaft in der Nähe des Pferdes, um auf genügend Wiederholungen zu kommen, damit das Pferd das Verhalten irgendwann absichtlich zeigt und nicht nur durch Zufall. Immerhin. Wenn es dann soweit ist, habe ich direkt das Endverhalten. Viel Glück und Ausdauer!

Happy training!

Skorri lernt Hüfttarget

Sonderausstattung: Einparkhilfe

Skorri lernt das Hüfttarget

Nachdem keiner der gängigen Wege dazu geführt hat, Islandbub Skorri das Hüfttarget plausibel zu machen, hat uns nun eine gemodelte Gewichtsverlagerung weitergeholfen. Schließlich gibt es unzählige Trainingswege für jedes Verhalten, und es bleibt dem eigenen Einfallsreichtum überlassen, einen der Wege zu finden, bei dem es im Pferdehirn „click“ macht.

Worin bestand dabei die Schwierigkeit? In erster Linie darin, dass Skorri fast zwei Dekaden Trainingsgeschichte auf „vor dem Menschen weichen“ hat. Das Konzept, bewusst und in voller Absicht auf den Menschen zuzugehen, schien ihm sehr befremdlich. Das gab uns eine interessante Nuss zu knacken.

Übers Shapen ging es nicht voran. Darüber, das neue vor das alte Signal zu setzen (braucht beim Hüfttarget zwei Personen) ebenso wenig. Mitunter lohnt es sich, einen Augenblick länger über Alternativen nachzudenken.

Wie wäre es also mit Modeln? Als geübter Balance-Pad-Genießer hatte Skorri keine Probleme damit, sich von mir die Hinterhand verschaukeln zu lassen. Dadurch ergab sich der ersehnte Ansatzpunkt, eine Gewichtsverlagerung in Richtung des Trainers zu verstärken.

Nun sind wir soweit, der Jung macht mit dem Heck den entscheidenden Schritt auf mich zu. Click! und Zauberkeks als besonderes Dankeschön.

Making of: Mützenklau

Making of: Mützenklau

Vom Nasentarget zum Diebesgut

Als ich mich entschied, einen kleinen Weihnachtsjux zu trainieren, ahnte ich schon, dass das Vorhaben nicht in fünf Minuten über die Bühne gehen würde. Um das Pony nicht zum Festtagsschmuckständer zu machen, hatte ich mir überlegt, ein Verhalten zu trainieren, bei dem das Zweibein der Dekotragende ist.

Der Videoclip zeigt die wichtigsten Stationen, einer Stute mit bombenfestem Nasentarget und einer Abneigung gegen mündliches Erkunden unbekannter Gegenstände zu erklären, mir die Zipfelmütze vom Kopf zu klauen.

Im Videoschnitt zu kurz gekommen sind die Szenen, in denen DC endlich soweit war, in die Mütze zu beißen und daran zu ziehen, und sich erschrocken hat, weil sie unvermutet von der aus ihrem Mäulchen baumelnden Mütze „verfolgt“ wurde. Nun ja. So beinhaltete unser Training zusätzlich noch eine Entgruselungskomponente. Hätte die Mütze Geräusche gemacht, hätten wir einen Sonderbeitrag zur Steigerwald.T Silvesterchallenge gehabt 🙂

Slalom Schritt für Schritt

Making of: Biegepony

Ist doch nicht so schwer. Oder?

DC soll lernen, einen Slalom zu absolvieren. Eigenständig, ohne bewusstes oder unbewusstes körpersprachliches Vorsagen vom Zweibein. Es führen viele, viele Wege zum Ziel. Wir haben uns für Weg Nr. 186 entschieden.

Teil 1 – Geh weg von mir

Damit DC einen Slalom allein laufen kann, muss sie zunächst einmal lernen, überhaupt irgendwo hinzugehen, ohne dass ich mitkomme. Das regeln wir über ein Nasentarget. Wie das funktioniert, ist auch eine spannende Geschichte, die aber ein andermal erzählt wird.

Slalom lernen - der Beginn
Slalom lernen – der Beginn

Teil 2 – die Hütchen kommen ins Spiel

DC kann nun also auf Signal von mir weg zu ihrem Nasentarget gehen. Wir stellen zwei Pylonen in Form einer versetzten Gasse auf, die so breit ist, dass DC nicht in Versuchung kommt, die neuen Pylonen zum Nasentarget zu machen und sich den Weg abzukürzen. Ihr wisst ja, bei Isländern ist BluTech Energiespartechnik Teil der Grundausstattung.

Teil 3 – es wird enger

Behutsam verjüngt sich die Gasse, im Idealfall so feinfühlig, dass DC gar nicht merkt, wie eng es wird. Die Hütchen wandern um ein bis zwei Fingerbreiten nach innen.

Slalom Schritt für Schritt
Slalom Schritt für Schritt

Teil 4 – die Hütchen kriegen Junge

Ein weiteres Hütchen kommt dazu. Ich stelle den Konus frohen Mutes mit ein bisschen Abstand auf – und verkalkuliere mich. DC kommt „durch den Tüdel“ und läuft außen an allen Pylonen vorbei. Zurück auf Null, Nachdenken, Plan ändern, Plan umsetzen oder kurz: Think. Plan. Do.

Es gäbe mehrere Möglichkeiten, die Aufgabe zu lösen. Ich entscheide mich, die Gasse vorübergehend wieder breiter zu stecken und bei der Hütchenzahl zu bleiben. DC dankt und geht wieder zuverlässig zu ihrem Target.

Teil 5 – Goto 3 and continue

Um Fingerbreite… genau. Bis alle in einer Reihe stehen. So der aktuelle Stand.
Das nächste Hütchen wartet schon auf seinen Einsatz. Und das nächste. Und das nächste…

Dísa lernt Slalom
Dísa lernt Slalom
Riverdance mit Pferd

Making of: Riverdance mit Pferd, Teil 1

Der Traum vom Tanzen

Dieses Verhalten fasziniert mich, wann immer ich es in einem Videoclip sehe; zuletzt beim Dreamteam Christin Brümmer mit ihrem Johnny. So träume ich schon lange davon, mit DC zu tanzen.

Was man allerdings viel zu selten sieht, ist ein Video, das den Trainingsweg zeigt, den der Trainer mit seinem Pferd gegangen ist. Rein theoretisch könnte es davon Dutzende geben. Was sage ich – Hunderte! Zitat Viviane Theby, dem Sinn nach: „Es gibt 1000 Wege, ein Verhalten zu trainieren. 500 davon sind tierschutzrelevant. Unter den anderen 500 können wir frei wählen.“

DCs Clip zeigt euch den Anfang des Weges Nr. 473 zum Riverdance mit Pferd. Der Mitschnitt hat Überlänge, enthält neben den guten YES-Momenten auch Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen des Trainers und ist eben nur ein Weg von 500 möglichen. Auf geht’s.
 

Lebe deinen Traum.

Riverdance mit dem schönsten, liebsten, großherzigsten, intelligentesten, eigenständigsten usw. Islandmädchen der Welt. (Wie gut, dass wir keine Labels vergeben)

Starte jetzt sofort.

Sonntag, 28.07.2019, beim Stalldienst zwischen Raufen auffüllen und Abäppeln.

Starte dort, wo du gerade stehst.

Im Unterstand des Zweitpaddocks.

Starte mit dem, was du gerade hast.

DC. Einen Clicker. Eine Futtertasche. Ein Handy zum Filmen. Ein Schultertarget, das die Vorderhand mit einer beliebiger Beinfolge nach innen wendet.

Einheit 1

Aller Anfang ist schwer? Ganz sicher nicht. Warum sollte er?
Schließlich arbeiten wir mit Markertraining und haben bei Nina Steigerwald gelernt, unsere Verhaltens-Toolbox zu benutzen, einen Trainingsplan zu schreiben und das praktische Training auszuwerten als Grundlage für den nächsten Durchgang.

Think. Plan. Do. Thank you, Bob
Repeat. Damit’s vorangeht.

Am Anfang steht das Kreuzen der Vorderbeine. Das Schultertarget verschiebt den Schultergürtel des Pferdes. Wir benutzen das Schultertarget im Alltag zum Rangieren. Deshalb war es bislang egal, wie das Pony die Füße setzte. Für die Tanzeinlage hingegen soll ausschließlich das äußere über das innere Vorderbein kreuzen.

Die Grobplanung sieht vor:

In Führposition links
Stufe 1. Verfeinern des Schultertargets – auf Signal „Schultertarget“ das äußere Bein kreuzen

Stufe 2. Signalumbau – NeuVorAlt (Aküfi für Maulfaule). Das neue Signal wird vor das alte gesetzt: Kreuzendes Menschenbein – Schultertarget -> Pferdebein kreuzt. Das wiederholen wir, bis DC das Verhalten vorwegnimmt („Ich weiß schon, was gleich kommt!“ Super, kleine Schlauschnäcke). Jetzt können wir das neue Signal benutzen.

Stufe 3. Entkreuzen der Beine, das Spielbein kehrt in die Ausgangsposition zurück. DCs Standardverhalten wäre beim Schultertarget, das Standbein nach innen nachzusetzen. Stattdessen soll sie aber in NormallNull zurückkehren. Um den Ablauf generell intus zu bekommen, haben wir von Anfang an den Futterpunkt genutzt, um nach dem Kreuzen in die Startposition zurückzukehren. In den ersten Sequenzen erkennt man gut, dass es DC schwerfällt, das gewohnte Verhaltensmuster aufzubrechen und Gewicht und Spielbein stattdessen zurückzuverlagern.
Am Ende der Einheit bekommt sie den Click für das Zurücksetzen des Beins.

Stufe 4. Sowie DC die Bewegungsfolge prompt und flüssig ausführen kann, werden wir uns dem Seitenwechsel widmen, und das Spiel beginnt von vorn. Warum das so ist, kann man humorvoll und leicht verständlich bei Marlitt Wendt nachlesen Ein kluger Kopf unter jedem Schopf – eine klare Leseempfehlung für jeden Pferdefreund.
 

Zukunftsmusik

Zusammensetzen beider Seiten. Hinzufügen weiterer Figuren. Der Fantasie freien Lauf lassen.

Wann wir die Zeit finden werden, den Riverdance weiterzuverfolgen, steht in den Sternen, aber solange der Traum vom Tanzen da ist, geht der Trainingsplan dafür nicht verloren.